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„Der nächste Schritt“ von Ueli Steck – hin zu mehr Gelassenheit? Eine Rezension.

Ich muss mir immer wieder, bei jeder einzelnen Seite, bewusst machen, dass Ueli Stecks Auffassung von ‚lang‘ oder ’schwierig‘ einfach von einer anderen Welt ist. Während ich „Der nächste Schritt“ gemütlich auf meinem Sofa mit Tee und Keksen lese, beschreibt er seine Touren nach Nepal, das Projekt der 82 summits und die Eiger Speedbesteigungen wie viele schöne Spaziergänge, die fast ohne Riskiso machbar sind. Ich bin einfach nur tief beeindruckt.

Motivation für alle Berge dieser Welt

2016 erschien das Buch „Der nächste Schritt“ von Ueli Steck. Der mittlerweile 40 Jahre alte Speed Bergsteiger aus der Schweiz bringt in diesem Buch die Touren seiner letzten Jahre unter. Wo andere Bergsteiger gleich fünf Bücher dazu geschrieben hätten und ein Titel todesmutiger als der andere geheißen hätte, nimmt Ueli einen mit jeder Zeile leichtfüßig mit auf den Gipfel des Everests, des Eiger, aller 82 Gipfel der Alpen, die höher als 4000m sind. Und was soll ich sagen? Es fühlt sich so einfach an, so leicht. Der Ueli läuft, klettert, radelt, paraglidet in einer Tour; sein Puls kaum am Anschlag.
„Wie bei jedem Aufbruch in den letzten zwei Monaten freute ich mich“ (S. 200) – dies schreibt er kurz vor Ende seiner 82 summits und genau das ist es, was er im Buch auch vermitteln kann: Motivation, Faszination, Einschätzungen.

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Doch bei Ueli Steck geht es nicht nur um die schönen Seiten des Bergsteigens, es gehören leider auch ganz andere Geschichten dazu. Abstürze, Verletzungen, Höhenkrankheit, Tod. Die Verarbeitung der Sherpa-Wut am Everest 2013 stellt den Beginn des 230-Seiten starken Buches dar und zeigt seine Sicht der damaligen Geschehnisse – seine Angst, seine Hilflosigkeit, sein Verständnis. Ueli zeigt in „Der nächste Schritt“ immer wieder, dass er sich der Risiken beim Bergsteigen sehr bewusst ist und sich oft mit seiner Frau Nicole bespricht, ob seine Projekte machbar sind. Für jeden Normalo Bergsteiger sind seine Projekte der helle Wahnsinn, für Ueli Steck sind manche Strecken nur Trainingseinheiten. Wow.

„Der nächste Schritt“ – kann auch immer der letzte sein

Man erlebt beim Lesen des Buches von 2013 bis 2015 einen immer nachdenklicher werdenden Ueli Steck. Ist er in Nepal bei seinen Expeditionen noch zu allerlei Risiken bereit und weiß, dass es manchmal nur noch ums Überleben geht, so festigt sich im Verlauf des Buches seine Meinung darüber, dass er sich in den Griff kriegen muss, um keine unnötigen Risiken einzugehen. Er ist zwar für sich allein verantwortlich und dennoch ist er gegenüber seinen Freunden und seiner Frau ein Leben schuldig. Seine verschiedenen Gedankengänge sind schön herausgearbeitet worden, man kann als Leser das Auf und Ab aller Ideen so gut nachempfinden und verstehen. Die Passion jagt ihn immer wieder auf neue Gipfel, zu neuen Projekten mit anderen Risiken und doch weiß er rational betrachtet, dass es um mehr geht, als das nächste Projekt, den nächsten Rekord.

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Extrem war seine Solo-Begehung der Annapurna Südwand in 2013, er stellt den Rekord auf, die Wand in 28 Stunden begangen zu haben – also rauf und runter in höchster Konzentration. Zack, in einem durch. Ich auf meinem Sofa stellte mir die Frage, ob er zwischendurch auch mal pinkeln war oder ist das dann einfach nicht drin? Irgendwann werde ich ihn mal fragen.

„Früher hätte ich befüchtet, dass man mir vorwerfen würde, der Steck sei alt geworden und mache eine solche Aktion [82 summits] nur, um in die Medien zu kommen. Nun war mir egal, was die anderen von mir dachten“ (S142f.). Immer wieder lässt er zwischen den Zeilen dem Leser durchblicken, dass es ein schmaler Grat ist zwischen dem Ruhm und der Aufmerksamkeit eines erfolgreichen Speedbergsteigers und einem, der das macht, was ‚den Medien‘ recht ist. Das ständige Tauziehen mit diesem großen Sprachrohr ist zugleich Leid und Freud für ihn. Wie gut, dass er doch immer wieder ein stabiles Gleichgewicht zu finden scheint – dann kann ich als Normalo mit großen Augen von seinen Berichten zehren, die ich nunmal zum größten Teil nur über die Medien mitbekomme. Danke also.

Upsa, doch kein Spaziergang für mich Normalo

Während ich entspannt vom Sofa aus unterwegs bin zusammen mit Ueli, um die Gipfel der Welt en passant zu erleben, die Leichtigkeit der Touren zu spüren, zog mich meine Neugierde zu YouTube. Ich wusste, dass es zu den 82 summits einige Filmaufnahmen gab. Und dann saß ich da. Schluckte. Und aus dem gelesenen Spaziergang wurde für mich dann doch eine hochalpine Tour mit krassen Risiken. Wow, was für ein faszinierender Mensch, was für Erfahrungen. Und nix für mich, definitiv.

Die Grate sehen furchtbar ausgesetzt aus, das Klettern viel steiler als ich es mir vorgestellt habe, die Zahlen von Kilometern und Höhenmetern bekamen auf einmal deutlich mehr Farbe. Ups, doch kein Spaziergang, sondern krasser Scheiß.
Bergsteigen ist für Ueli Steck Lebenselixier: „Ich brauche diese Erlebnisse in den Bergen. Sie sind ein Teil meines Wesens“ (S. 228). Ich fühle es so sehr nach, verstehe ihn, fühle mich verstanden – und dann schaue ich hier auf meinem Blog meine Touren durch und kichere blöde in mich hinein. Ich bin ein alter Flachlandindianer, wenn man sich Uelis Spaziergänge anschaut und meine größeren Projekte wie etwa der Che Guevara Klettersteig oder die Alpenüberquerung auf dem E5. Mensch Ueli, es ist extrem faszinierend, was Du in den Bergen auf die Beine stellst. Respekt.

Hör‘ nur auf Dich selber

Und das Schönste daran ist, er vermittelt dem Lesenden immer wieder, dass es auf das eigene Können, das eigene Einschätzen der Situation und die eigene Motivation ankommt. Das ist das höchste Maß, an dem man sich messen sollte. Mich hat „Der nächste Schritt“ zum Nachenken angeregt, zum Hinterfragen. Natürlich bewege ich mich in ganz anderen Sphären als ein Ueli Steck und doch entdecke ich Parallenen als Bloggerin. Taugen nur Touren, die gut zu verbloggen sind? Mache ich sie für mich oder für die Reichweite? Manchmal laufe ich auch Wanderungen, die eigentlich niemanden interessieren, denn es geht einfach um die Bewegung, um ein paar Fotos.

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Wie schön für mich zu lesen, dass auch die Großen der Szene im Grunde ähnliche Gedanken bewegen und ich mich verstanden fühle. Niemals werde ich Speedbergsteiger oder ungesichert klettern, dafür bin ich zu sehr Angsthase. Aber wenn ich ein Projekt im Kopf habe, das sich für mich gut anfühlt, dann ist es meine Herausforderung, allein meine Entscheidung und von meinem Können abhängig.

Ich bin bei Bergsteigerbüchern immer skeptisch, ob es nur ums Höher, Schneller, Weiter geht – solche Bücher bringen mir nichts. Aber der Schwarzfuchs hat so positiv von diesem Buch erzählt, dass ich es unbedingt lesen wollte – zu recht. Merci also und danke an Piper für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Der nächste Schritt
Ueli Steck mit Karin Steinbach
Hardcover, 240 Seiten / MALIK
Preis: 20,00 €
> Zur Verlagsseite (mit Leseprobe)

Das Buch wurde mir vom Piper Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist wie immer meine eigene.

Trauriger Nachtrag [01.05.2017]: Ueli Steck verunglückte tödlich am 30.04.2017 am Nuptse im Himalaya. Kacke ey.

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