2010 war ich auf der klassischen Route des Fernwanderwegs E5 von Oberstdorf nach Bozen unterwegs. Ich wollte die alte Route gehen, zwei Wochen unterwegs sein und auch langweilige Etappen dabei haben. Dessen war ich mir ganz sicher. Unsicher war ich nur, weil es meine erste Hüttentour werden sollte – und jetzt, 15 Jahre später, würde ich mir gern selbst begegnen und einmal ein paar Dinge geraderücken, denn am Ende des Tages miefen auf der Hütte alle Socken gleich. Fragen, die mir damals im Kopf herumschwirrten, nehme ich mit ins Jetzt und beantworte sie mir gern – damit auch andere hoffentlich mit etwas mehr Gewissheit zu so einer Tour aufbrechen können.

- Merken alle, dass es meine erste Hüttentour ist?
Ach wo, gerade auf dem E5 ist es auf den Hütten so wuselig und es gibt so viele, die ihre ersten Hüttentour machen, sodass Du ganz entspannt mitschwimmen kannst. Und dass jede Hütte ein wenig anders funktioniert, ist ganz normal. Frag besser immer die Hüttenwirte, wenn Du eine Frage hast. Damit fällst Du nicht auf, das ist normal und Du kommst ein wenig ins Gespräch.
- Kann ich im Matratzenlager gut schlafen? Ich muss doch fit sein.
Ja, na ja, also, es kommt darauf an, wie nah der nächste Schnarcher an Dir dran liegt – nimm daher auf jeden Fall immer gute Ohrenstöpsel mit, mit denen Du auch schlafen kannst. Und ja, Du musst ausgeruht sein am nächsten Tag, denn schließlich willst Du zwei Wochen am Stück laufen. Aber trau Deinem Körper ein bisschen was zu – und mach Pause, wenn Du am Berg eine brauchst.
- Sollte ich vorher schonmal eine Mehrtagestour gemacht haben?
Hand aufs Herz – ich dachte damals, ich sei fit genug und auch konditionsstark. Letzteres stimmte, ersteres auch, aber einige Tage am Stück zu wandern, erfordert vom Körper ganz andere Energiereserven. Am Ende von Tag 4 konnte ich mental nicht mehr, mein ganzer Körper war einfach müde, ich wollte nicht mehr laufen, es war einfach so anstrengend.
Tja, da hab ich echt gemerkt, dass es kein Zuckerschlecken ist. Aber ich kann Dir sagen, Dein Körper gewöhnt sich an die Belastung. Mach einen Pausetag, chill Dein Leben, Du musst niemandem etwas beweisen. Du darfst auch fertig sein.

- Ich will meine Tage nicht auf der Hüttentour kriegen – das ist echt das letzte, was ich noch gebrauchen kann. Was kann ich tun?
Es kommt, wie es kommt. Sei vorbereitet, pack ein, was Du brauchst. In den Tälern gibt es immer wieder Möglichkeiten, Müllbeutel zu entsorgen. Wenn Du einen Fressflash hast, genieß ihn, denn so schnell wirst Du so geiles Essen mit so einer guten Aussicht bei einem Flash nicht mehr bekommen. Und auch hier gilt: Plane vorab Pausetage ein, genieß die Zeit in den Bergen. Auch wenn Du Dich manchmal getrieben fühlst, weil alle diesen Weg laufen, lauf Dein Tempo, mach Dein Ding. Du musst die Alpenüberquerung nicht so schnell wie möglich machen – genieß es einfach und jeden einzelnen Tag, den Du auf einer Hütte verbringen darfst. Bleib auch einfach mal zwei Übernachtungen auf einer Hütte.
- Der E5 führt über keine Gipfel, sind die Etappen sonst zu krass?
Also, ich glaube, der E5 auch ohne Gipfel ist ganz schön strapaziös, vor allem, wenn man zwei Wochen läuft. Aber plane es doch vielleicht so: Schau, wo Gipfel direkt am Weg liegen mit angenehmen Zustiegen (nimm dazu eine Karte zur Hand) und plane sie dann so ein, dass Du am nächsten Tag vielleicht eine einfachere oder kürzere Etappe hast. Damals hab ich keinen Gipfel mitgenommen, heute finde ich das etwas schade.

- Es gibt auf einer Etappe eine Passage, die mich echt unsicher macht. Was kann ich tun?
Versuch Dich vorab mit der Community zu verknüpfen oder google nach Bildern oder Videos von der Passage. Mir hat die Alternativ-Etappe über den Kaunergrat, die ich unglaublich gern laufen wollte, etwas Sorge bereitet. Es gibt dort auf dem Abschnitt des Cottbuser Höhenwegs einen mit Tritten versicherten Kamin, in dem bereits mal eine Wanderin tödlich verunglückt ist. Das fand ich wirklich gruselig. Ich fragte die Hüttenwirte, wie sie die Stelle einschätzen, aber die haben natürlich massig mehr Bergerfahrung als ich. Ich entschied mich gegen diese Etappe, stattdessen folgte ich dem Rat und Weg des Pensionswirts und ging über das Wallfahrtsjöchl hinab ins Pitztal. Der Weg war beschissen und sparsam markiert. Ich hab mich mehr als einmal gefragt, ob die andere Etappe nicht besser gewesen wäre. Aber: Damals war ich mir unsicher und suchte nach einer für mich machbaren Variante, bei der ich mich sicher fühlte. Und das war gut so.
- Gibt es Stau auf dem Wanderweg?
Einmal hatte ich etwas Stau an einem Gatter, aber ansonsten war ich immer recht weit ‚vorn‘ vor den geführten Wandergruppen. Mich hat es irgendwie immer gestresst, wenn hinter mir eine Gruppe sich den Berg hochschraubte, ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mein Tempo machen konnte. Das war manchmal etwas schade und hat mein Bergerlebnis etwas gehetzter gestaltet. Den Abstand zu den Gruppen hatte ich, weil ich kein Frühstück auf den Hütten hatte. Ich bin morgens aufgestanden und direkt los, während sich die Massen noch dem Frühstück gewidmet haben. Nach ca. 30 Minuten Vorsprung hab ich meist ein kleines Frühstück zu mir genommen, ein wenig die Ruhe am Berg genossen und dann schnell die Sachen wieder eingepackt, weil ich weiter unten gesehen hab, wie die Gruppen gestartet sind.

- Ist der E5 von Oberstdorf nach Bozen eine gute Hüttentour für Einsteigerinnen in das Thema?
Ganz ehrlich? Ich glaube nicht. Es ist einfach verrückt voll und das sage ich, obwohl mein Erlebnis schon 15 Jahre her ist. Jetzt muss es noch voller sein, obwohl das ja aufgrund der Hüttenkapazitäten eigentlich gar nicht gehen sollte. Die Hütten bucht man schon ewig im Voraus und ist dann auch genau auf diese Buchung und Planung festgenagelt. Natürlich kann man auch immer notweise unterkommen, aber das ist keine gute Idee. Und wenn man einmal aus der eigentlichen Planung und Buchung raus ist, gibt es kaum eine Chance, das wieder einzuholen. Und das bereitet Stress
Aber ich möchte den E5 so schnell nicht nochmal wandern. Es gibt so viele andere schöne Touren, die viel mehr Bergruhe versprechen als der berühmte E5. So zum Beispiel den Sentiero della Pace, den Romy gewandert und darüber einen tollen Wanderführer geschrieben hat.
Natürlich erlebt man tolle Bergmomente auf dem E5, die Geselligkeit auf den Hütten ist herrlich und viele laufen ja dieselbe Route, sodass man sich abends auf den Hütten auch immer was erzählen kann. Aber Bergruhe findest Du hier nicht.
Erst als ich nicht mehr die Route Richtung Meran nahm, wurde es auf den Wegen ruhiger und das empfand ich als sehr angenehm.
Zudem haben Hütten, die nicht täglich so überlaufen sind, viel gemütlichere Abläufe und dadurch strahlen sie dann insgesamt einfach eine großartige Entspannung aus – genau das richtige für meine Bergmomente am Abend und für Pausetage am Berg.

