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Ablassen ist Kopfsache – meine kleine Angst

Wie mich mein Kopf daran hinderte, beim Klettern entspannt zu sichern.

Holla, das hätte ich ja nicht gedacht, dass ich vom Kopf her einmal so dicht machen würde beim Toprope-Klettern. Und nicht, weil ich mich oben in der Wand nicht weiter getraut habe, sondern weil ich unten als Sichernde stand und es dann darum ging, Nico runterzulassen. Dieses entspannte Surren des Seils, das lustige Runterhüpfen an der Wand. Und ich hatte irrationale Angst, dass er einfach nach unten stürzen würde, wenn ich das Seil falsch führe.
pssst: hieß der Artikel nicht mal anders? Danke an Bernd, ich hatte hier ‚abseilen‘ stehen, meinte aber ‚ablassen‘ #greenhorn 

Die Sicherung hält, auch wenn der Kopf zu macht

Manchmal macht der Kopf ja dumme Sachen. Nicht umsonst gibt es so wunderbare Begriffe wie ‚kopflos‘, ‚um Kopf und Kragen‘ und ‚verkopft‘. Ich gehöre auf jeden Fall zu letzter Kategorie und das hat mich jetzt beim Klettern eingeholt.
Vor einigen Wochen habe ich wieder mit dem Klettern angefangen. Einfach neu nochmal ran, erneut einen Kurs zum Sichern besucht, damit ich einfach alles nochmal in Ruhe lerne. Schon 2009 habe ich einen Toprope-Schein gemacht, dann aber das Klettern nicht weiter verfolgt. Damals hab ich mit einem Tube als Sicherungsgerät gelernt. Simples Teil, da kann man nicht viel falsch machen. Aber da merkte ich schon, dass es mich einiges an Kraft (oder Kopf) kostet, den Partner entspannt abzulassen. Beim Tube hatte ich immer das Gefühl, dass ich das Seil extrem gut verkanten muss, wenn ich meinen Partner ablasse – vor allem, wenn der schwerer ist als ich. Und wenn ich das nicht schaffe, liegt er Klatsch auf dem Boden.

Und jetzt, 9 Jahre später steh ich wieder in der Halle und habe diese Angst.

Verdammt! Doch heute sind die Rahmenbedinungen andere. Ich sichere jetzt mit dem Megajul, wenn ich hier beim Ablassen die Hand unten halte, ist das Seil zu, da rührt sich nix. Und trotzdem war das Training diese Woche echt ein Psychokrampf, mein Kopf erzählte mir Märchengeschichten übers Abschmieren, während Nico oben in der Wand hing. Warum kommt diese Angst jetzt wieder?

Nachdem ich meinen Toprope-Schein vor ein paar Wochen gemacht hab, war ich mir meiner Sache sicher. Ruckelfrei hab ich das Ablassen noch nicht hinbekommen, aber das ist ja auch einfach eine Übungssache. Umso unverständlicher ist für mich daher mein Angstgefühl, denn ich weiß ja vom Kopf her, dass nichts passieren kann.
Meine Therapie bestand dann darin, einen der Gewichtsäcke einmal im Seil hochzuziehen und dann das Megajul so weit zu öffnen, wie ich es mich nie trauen würde. Um zu schauen, was passiert. Nicht viel. Das Gerät hält einfach alles.

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Daraufhin bat ich meine Trainerin nochmal nachzusichern – Nico oben in der Wand, sie hinter mir und dann sollte ich ihn so schnell ablassen, dass es ich es unangenehm empfand. Bäm! Und da war wieder diese diffuse Angst. Obwohl ich nicht allein sicherte. Was zur Hölle war denn los?

Mein Selbstvertrauen war am Arsch, gerade weil ich mich auch so über mich selbst ärgerte. Haha, was für ein Abend.
Und trotzdem, Nico und meine Trainerin sagten, dass ich es doch könne und ich wusste doch, dass ich es kann. Ich habe dann Nico bei dem Training so oft es ging, abgelassen. Jedes Mal mit einem doofen Gefühl im Bauch, das ich bei den Trainings vorher nie so hatte. Ich wollte nicht akzeptieren, dass mich diese Angst beherrschte.
Ich war nach jedem Ablassen verschwitzter als er beim Klettern. Altaaa, alles kaputt bei mir.

Gegen Ende wurde es in meinem Kopf wieder etwas ruhiger. Das Vertrauen in meine Fähigkeiten und das Material bekam wieder Boden unter den Füßen. Indem ich Nico recht langsam, aber ohne Ruckeln abließ, war es auch für mich kontrolliert genug und entspannt für ihn. „Mach lieber langsam, aber sicher“, meinte auch meine Trainerin. Mein Wutknubbel im Bauch auf mich selbst wurde langsam kleiner. Ich war fertig mit den Nerven.

An dem Abend habe ich es zum ersten Mal geschafft meine Projektroute bis oben zu klettern. Nicht in einem durch und mit viel Gefluche, aber ich hab den obersten Stein mit beiden Händen gefasst bekommen. Meine erste 5+. Da hat mein Kopf mir die nötige Kraft, das Durchhaltevermögen gegeben, da hat er wieder funktioniert. Ein einigermaßen fairer Ausgleich, wie ich finde.

Wie ging ich dann aus dem Training raus? Eigentlich beruhigt. Der Dämon war angeleint worden, die Projektroute einmal geschafft. Das nächste Mal klettern wird einfach ein Neuanfang. Nicht ganz ohne diese doofe Angst, aber ich lasse auch nicht zu, dass sie mich noch einmal so wahnsinnig macht.
Ich glaube, klettern ist ne super Therapie. An dem Abend hab ich garantiert mehr verarbeitet als das reine Sichern. Irgendwas musste noch 10x unterbewusst gedacht werden, irgendwo war die Erbse, die unter den vielen Matratzen versteckt lag und mich gezwickt hat. Weiß der Geier, ist mir egal. Nächstes Mal ist ein neues Mal. Herausforderungen halten uns lebendig. Lehren uns, dass wir nie aufhören sollen zu lernen.

Ich kann das.

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2 Kommentare zu “Ablassen ist Kopfsache – meine kleine Angst

  1. Corinna, den von Dir beschriebenen Vorhang nennt die Fachfrau ablassen. Abseilen ist was völlig anderes.
    Sorry, da kommt der Trainer raus.
    Gruß aus Westfalen!

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