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Überschreitung der Hörnergruppe im Allgäu – Adrenalin zwischen Winter & Frühling

Das war definitiv außerhalb meiner Komfortzone: 9.30 Stunden, 19km und 1100 Hm, das kommt dabei herum, wenn man sich ganz oldschool auf einer Karte anschaut, wo man herlaufen könnte. Im Grunde kein Problem – wenn ich nicht gefangen gewesen wäre zwischen den beiden Jahreszeiten, die die Tour echt schwer gemacht haben und mein Adrenalin zwischendurch mal hochgejagt haben.

Wir waren in unserem Basecamp der Otto-Schwegler-Hütte im Allgäuer Ostertal. Bei einem kühlen Radler hingen wir über der Wanderkarte mit Hörnergruppe und Nagelfluhkette – wo geht die nächste Tour hin? Es sollte eine Ganztagestour sein und gern mit viiiiiel Aussicht. Da war es schnell klar – wenn man schon direkt an der Hörnergruppe ist, kann man doch auch einfach die Hörner der Reihe nach ablaufen und schauen, wie weit man kommt. Harhar.
Jetzt im Frühfrühling (es war das Osterwochenende 2017) sollten oben auf dem höchsten der Hörner, dem Riedberger Horn, noch gut 70cm Schnee liegen. Also packten wir die Schneeschuhe mit ein. Jedes Gramm, das ich tragen würde, ist Muskeltraining… oder so. Aber lieber die Schneeschuhe dabei haben, als sie dann auf Tour zu vermissen.

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Nach einigen Höhenmeter sehen wir unten unsere Hütte

Höhe kriegen – Hinauf zum Ofterschwanger Horn (1411m)

Wir starten direkt an unserer Hütte und kurbeln uns dann durch den Wald hoch Richtung Ofterschwanger Horn, auf manchen Wiesen liegt noch Schnee und wir planen im Laufen unsere Tour durch. Wie viele Hörner abzulaufen macht Sinn? Welche bieten eine tolle Aussicht? Sind alle problemlos begehbar bei den Schneeresten, die überall herumliegen? Nehmen wir nun den Sommerweg oder den Winterweg? Wie lange benötigen wir bei den Verhältnissen am Berg? Wir sind einfach unentschlossen und so bleibt es leider die gesamte Tour über, zerrt frech an unseren Nerven, hält uns aber nicht davon ab, einfach neugierig weiter zu wandern und am Ende des Tages erschöpft und zufrieden wieder auf der Hütte zu sein. Nur ein leichter Beigeschmack bleibt, haben wir doch unnötig etwas Adrenalin durch unsere Körper gejagt.

Direkt vor uns liegt als erstes Gipfelchen das Ofterschwanger Horn mit 1411m. Das kleinste für uns heute, aber mit Aussicht und Gipfelkreuz. Wir lassen am Sattel etwas unterhalb unsere Rucksäcke und Schneeschuhe stehen und laufen mal eben die fünf Minuten rauf zum Gipfel. Frisch, motiviert und so – der Tag ist noch jung. Oben dann das obligatorische Gipfelfoto, 5 sollen es in Summe werden, und dann flugs wieder runter. Es warten noch ein paar Kilo- und Höhenmeter auf uns.

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Wow, hallo Allgäuer Hochalpen!
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Tadaaa, am Ofterschwanger Horn (1411m)

Vorbei am Sigiswanger Horn wandern wir auf dem Panoramaweg weiter. Es führt dort zwar eine Winterroute drüber, aber heeey, da oben gibt’s keine Aussicht – hust. Wir laufen quasi ‚außen‘ herum und genießen die Aussicht auf die fernen Berge, die schneebedeckt und majestätisch aus der Ferne grüßen, und vor allem die Sonne. Hier ist der Frühling schon so gut wie angekommen mit zarten Krokussen, ersten Alpenveilchen und frischem grünen Gras, das in dieser Landschaft wie ein zu hoch gezogener Sättigungsfilter wirkt.
Die Sonne verschwindet immer wieder hinter den Wolken, doch wenn sie den Wald um uns herum anstrahlt, duftet es bereits nach dem Versprechen von wärmeren Tagen. Unser Pfad führt uns weiter Richtung Rangiswanger Horn mit 1616m. Eigentlich war für oben eine Pause geplant, der Wind ist jedoch so scharf, dass wir uns etwas unterhalb des Gipfels auf einer schönen sonnenbeschienenen Bank eine gute Jause gönnen, quasi unser zweites Frühstück. Ich lasse den Blick schweifen und erkenne in der Ferne den Grünten. Dort werde ich auch irgendwann einmal hochlaufen, nehme ich mir in Gedanken vor.

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Jausenzeit unterhalb des Rangiswanger Horns
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Krokusse – Frühlingsboten

Rangiswanger Horn (1616m) – Weiherkopf (1665m) – Großer Ochsenkopf (1662m)

Und dann sammeln wir einfach Gipfel. Oben am Rangiswanger Horn pfeift es wie blöd. Unsere Entscheidung, vorher Pause gemacht zu haben, war goldrichtig. Ein kurzer Blick in die Karte am Gipfelkreuz, ein, zwei Panoramafotos und weiter wieder bergab. Der nächste Gipfel ist der Weiherkopf – kein so gipfeliger Gipfel wie die anderen dieser Runde und sogar mit Seilbahn, die hochführt. Unser Weg führt uns aus einer Mischung von Matsch, grauem Gras und altem Schnee hinauf zum Aussichtspunkt. Hier treffen wir Opa und Enkel – Älterer erklärt Jüngerem, dass er seit Jahrzehnten hier hochkomme; ich beneide ihn sehr um seinen hübschen Traditionsberg. Wir halten uns nicht lange auf, steigen über wurzelige Pfade hinab und nehmen den Großen Ochsenkopf in Angriff. Je nach Himmelsrichtung ist hier echt noch Winter. Wir rutschen und schmocken uns den Berg hinauf. Zu wenig Schnee für Schneeschuhe, zu viel für normale Wanderschuhe. Zum Glück habe ich meine Stöcke dabei, mit denen kann ich die schlimmsten Schlingerer abfangen.

Nico hat einen besseren Weg nach oben zum Großen Ochsenkopf gefunden, ich watschel irgendwo hinter ihm durch den Schneeschmock, hab es dann doch mit Schneeschuhen versucht. Immer wieder gelange ich aber an Stellen, die bereits schneefrei sind und versuche mich gazellengleich über die Steine zu bewegen. Na ja… klappt mit Schneeschuhen nicht so wirklich. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Tag meine Schneeschuhe an- und wieder ausgezogen habe.

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Tadaaaa am Rangiswanger Horn (1616m)

Tipp für euch: wenn der Berg sich auf eine Jahreszeit eingependelt hat, ist es tausendmal einfacher, ihn zu erklimmen. Diese zwei Zonen stressen echt und machen das Gepäck einfach unnötig schwer.

Das Wetter zieht langsam zu, wir bleiben auch auf diesem Gipfel nicht lange, das Riedberger Horn will ja auch noch drankommen und stellt unser Highlight der Tour mit seinen 1787m dar. So oft ging es wegen der besch*** Skischaukel durch die Medien und ich möchte unbedingt einmal draufstehen, bevor es eventuell auch hier ein weiteres verbautes Skigebiet gibt. Grmbl.
Wieder ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass es einen Sommer- und einen Winterweg gibt, um aufs Horn zu gelangen. Wie entscheiden wir uns denn nun? Wie viel Schnee ist dort oben und wie gangbar der Weg? Der Winterweg führt durch den Talkessel und ist deutlich länger. Durch das schwierige Wetter haben wir schon einiges an Zeit bis hierhin gebraucht.

Wir beschließen, es auf dem Sommerweg zu versuchen und wagen uns an den Grat, der hinüber zum Riedberger Horn führt. Zu Beginn läuft es sich auch echt gut, der ausgesetzte Pfad ist schneefrei, wir laufen mit unseren Schneeschuhen auf dem Rucksack weiter bergauf. Langsam kommen dann erste Schneefelder und dann wird es richtig ausgesetzt. Und das bei dem schlonzigen Schnee. So, und jetzt? Umdrehen oder weiterlaufen? Wir kraxeln über die erste Schneegratnase, folgen den bereits bestehenden Fußspuren. So ganz wohl ist uns beiden aber nicht. Es ist spät im Winter, die Sonne ist schon warm – was macht der Schnee dann, wenn er belastet wird? Ist unser Weg noch sicher?

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Auf dem Sommerweg zum Riedberger Horn
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schmaler Grat – aber noch gut machbar

Mit Adrenalin aufs Riedberger Horn (1787m)

Wir wollen diese Schlitterpartie nicht wieder hinabsteigen, entscheiden uns also für den verschneiten Grat samt mulmigem Gefühl. Wir setzen unsere Schritte mehr als bedacht und schleichen uns den Berg hoch. Die Sicht ist grandios und es muss im Sommer ein wunderschöner Weg sein. Ich würde mich beim nächsten Mal aber definitiv für die Winterroute entscheiden – ich brauche dieses Adrenalin nicht. Es ist steil, die Felsen teils unterm Schnee versteckt und zu beiden Seiten gut abschüssig. Man setzt seinen Fuß in bestehende Tritte und hofft, dass sie unter einem nicht wegbrechen. In Gedanken überlege ich, auf welcher Seite ich ‚lieber‘ abstürzen würde. Und skurrilerweise beruhigt mich dieses Gedankenspiel. Es schärft nochmal meine Sinne.

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steile Passagen mit Altschnee – brrr

Der Grat endet etwas unterhalb des Riedberger Horns und spuckt uns dort mit weichen Knien auf eine Schneewiese aus. Uff, so weit erstmal. Jetzt nur noch zum Gipfel und dann definitiv auf der Winterroute zurück! Das ’nur noch zum Gipfel‘ wird dann doch auch nochmal anstrengender als gedacht. Die 70cm Schnee haben es echt in sich, da es nochmal ein paar steile Höhenmeter zurückzulegen gilt. Jetzt weiß ich, warum ich meine Schneeschuhe mitgeschleppt habe. Und jetzt weiß ich, warum ich das Schneeschuh-Modell mit Steighilfe hab. Es fühlt sich an wie eine Nordwandbesteigung. Aber ich muss für das vollkommene Tour-Gefühl das Gipfelkreuz einmal umarmen. Kennt ihr das?

Der Wind wird immer schneidender, meine Konzentration schwindet. Corinna, warum bist Du manchmal so ein Dickkopf? Irgendwann erreichen wir das Gipfelplateau. Hier liegt – wen wundert es – kein Schnee, so wie das hier pfeift, hat der Schnee keine Chance. Wir werfen einen prüfenden Blick in die Karte, der Abstieg über die Winterroute sieht entspannter aus. Nicht so steil. Also wieder ab in die Schneeschuhe und dann Richtung Grasgehrenhütte. Genug Adrenalin für heute.

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Am Gipfelkreuz des Riedberger Horns (1787m)

Mein Abschluss der Hörnergruppe

Ich freute mich auf den Abstieg, die Kehre unterhalb des Gipfels und dann über die Prunschenhütte ab wieder ins Ostertal. Ich hab den Sommerweg bei den Witterungsverhältnissen etwas unterschätzt und hoffte, dass der Winterweg unterhalb des Riedberger Horns mir nun leichter fallen würde. Alter Falter, war das ein anstrengender Weg! Hier war einfach nochmal sooo viel mehr Schnee. Gefährlich ist es nicht, aber der Weg fordert doch nochmal einiges an Konzentration, damit ich nicht mit einem falschen Schritt rutsche und umknicke. Immer wieder sinke ich so tief ein, dass ich Schnee in die Schuhe bekomme. Ach egal, einfach weiter. Ich will zur Hütte.

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Upsa, hier ist wieder Winter
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Nasse Schuhe, müde Beine

Im Grunde beschreibt das den gesamten Abstieg, bis wir endlich wieder schmatzenden Waldboden unter unseren Füßen spüren und dann doch froh sind, dass knorrige Wurzeln uns wieder mehr Halt geben und die ersten Frühblüher sich ihren Weg durch das unwegsame Gelände suchen – ebenso wie wir. Es folgt ein latschender Rückweg auf der kleinen Asphaltstraße, die sich munter durch’s Ostertal zieht. Hier kann ich einfach laufen, ohne zu aufmerksam sein zu müssen. Ich bin k.o. Ich halte den Blick nach vorn gen Hütte, meine Schneeschuhe sind wieder sicher verstaut, können etwas trocknen und ich freue mich, wieder im Frühling angekommen zu sein und auf einen heißen Hüttentee.

> Website der Otto-Schwegler-Hütte (DAV Selbstversorger)

 

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4 Kommentare zu “Überschreitung der Hörnergruppe im Allgäu – Adrenalin zwischen Winter & Frühling

  1. Tolle Bilder und klasse Bericht! Morgen gehts auf bei mir auf den Brocken im Harz und ich bin froh, dass dort inzwischen kein Schnee mehr liegt und das Wetter wohl gut werden soll.

    Lg Doreen

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