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Die Cima Rocca Klettersteig-Runde – auf den Wegen von Weltkriegsgeschichte

Die Perspektive macht es. Natürlich. Als ich an mir vorbei in die Tiefe auf das blaue Nass des Gardasees schaue, sieht meine Kraxelei sehr waghalsig aus. Für mich oben am Fels und gut gesichert ist die Klettersteig-Runde über den Cima Capi und Cima Rocca eine spannende, spaßige und nachdenliche Tour.

4 Klettersteige an einem Tag – nur Marketing-Gelaber?

Diese Ansage klingt nach einer ganz schönen Schweißarbeit und im Vorhinein hab ich mich gefragt, warum die Tour als Klettersteigrunde beworben wird und nicht einfach eine Tour zusammenfassend erstellt wird. Wieder so ein blöder Marketing-Gag, damit die Felskletterer am Ende des Tages prollen können, dass sie vier Steige auf einmal gemacht haben?

Nein, es macht wirklich Sinn, dass es nicht als ein Klettersteig ausgeschrieben ist, denn im Grunde kann man auf dem ganzen Massiv so herumturnen, wie man möchte und zwischen den Steigen bzw. versicherten Wegen kann man immer abbrechen, sie umgehen oder auch meist problemlos umdrehen. Der Berg mit den Gipfeln Cima Capi und Cima Rocca hat so ein vielfältiges Wegenetz in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, dass auch Kinder hier ihren Weg finden und eine wirklich spannende Tour erleben können.

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Die Klettersteig-Runde en détail

Wir sind die Tour wie empfohlen gegangen und das hat auch, aus meiner Sicht, am meisten Spaß gemacht. Man startet zunächst ab Biacesa Richtung Cima Capi und balanciert dann weiter übere einen Grat, an einer Kapelle vorbei, durch Stollen und bis zur Gipfelüberschreitung des höchsten Berges auf der Tour, den Cima Rocca.
Diese ersten beiden Klettersteige Via ferrata F. Susati und Via ferrata M. Foletti bis zur Kapelle Chiesa S. Giovanni haben Schwierigkeitsstufen bis B und haben unglaublich viel Abwechslung geboten.

Die beiden dann folgenden Steige Sentiero dei Camminamenti und Sentiero delle Laste waren als A und A/B gekennzeichnet und waren als Abstieg für mich sehr einfach zu schaffen – sie sind ja auch ’nur‘ als ’sentiero‘ markiert. Die Zuckerstücke des Via Ferrata waren definitiv die ersten beiden.

— Die Topo der Tour findet ihr am Ende des Beitrags. Erst hier weiterlesen^^ —

Blaustrahlender Gardasee und felsdunkle Weltkriegsgeschichte

Der Klettersteig war landschaftlich extrem schön. Oberhalb des Gardasees zu klettern und bei jeder Pause die kleinen weißen Segelboote zu zählen und einfach das Treiben in Riva del Garda beobachten – genauso habe ich mir das Klettern in den Gardaseebergen vorgestellt. Das Eisenband an meiner Hand war sonnenwarm.
Eine Kopflampe sollte man einpacken, da der Steig durch wirklich dustere Stollen führt. Wow! Der längste ist der Galleria del guerra.

Die Tour war gefühlstechnisch wirklich aufwühlend. Wie der Name des Stollen schon sagt – hier befindet man sich auf ehemaligem Kriegsgebiet. 1. Weltkrieg, der Gardasee mit seinen Festungen am Nordufer galt als Trutzmauer gegen alles und jeden, was aus dem Süden kam. Die Berge rund um den Seeort Riva del Garda sind optimal, um Feinde schon in der Ferne auszumachen. Bei einem Bombardement haben sich tausende Möglichkeiten geboten, im Berg zu verschwinden.
Flakgeschütze wurden im tiefsten Winter die Berge hochgeschleppt. Schützengräben wurden ausgehoben und befestigt. Weitreichende Stollen mit gut positionierten Schießscharten lassen mich verstummen. Der Blick hinaus ist wunderschön. Heute. Ich verstehe Menschen nicht. So viel Mühe für so viel Schwachsinn.
Mir wird bewusst, wie wenig ich vom 1. Weltkrieg im Grunde weiß.

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Nach unserem ersten Gipfel, dem Cima Capi mit knapp 1000m, führt uns der Steig weiter über einen schmalen und teils unversicherten Grat, der an der Felskante immer wieder mit alten Gemäuern von Schießscharten aufwartet. Wir legen uns hier nur einmal auf Lauer – um eine scheue Gemse am anderen Hang zu beobachten. Die Tiefblicke nach Riva del Garda sind von gerölligem Stein gesäumt, das erste zarte Grün traut sich zwischen den Felsen hervor.

Es folgt ein relativ kurzer Abstieg über einige größere Stufen und Rinnen. Ein wenig ekelig finde ich diese Passagen, da der Klettersteig bergab führt und über Felsnasen. Dieser Teil ist mit B eingestuft und der schwierigste Teil der vier Via Ferrata. Irgendwie fühle ich mich unsicherer im Abstieg an solchen Wegstücken – das ist reine Kopfsache, da der Aufstieg nur vermeintlich sicherer ist. Hierbei habe ich gemerkt, dass auch eine B-Stelle je nach Richtung psychisch nicht so einfach ist und nicht unterschätzt werden darf.

Wir kommen an der Kapelle Chiesa S. Giovanni raus, direkt in der Nähe der Selbstversorgerhütte Bivacco Arcione. Eine italienische Großfamilie bereitet hier ein großes Festmahl auf dem Grill vor. Die großen Rucksäcke verraten, dass sie über Nacht hier oben bleiben. Ich beneide sie schon jetzt um das Glas Wein bei einer sternenklaren Nacht, unter ihnen die Lichter der Gardasee-Orte und beim Klogang am nächsten Morgen einen atemberaubenden Sonnenaufgang mit weichen Nebelschwaden über dem größten See Italiens.klettersteig-runde-cima-rocca-gardasee-18

‚Gipfelsturm‘ sollte hier als Begriff vermieden werden – Auf zur ‚Gipfelfestung‘ (Übersetzung für ‚cima rocca‘)

Für uns geht es jetzt zum höchsten Punkt dieser Klettersteigrunde, dem Cima Rocca mit 1.089m. Ein Trüppchen gutgelaunter italienischer Senioren kommt uns von oben entgegen und wir verständigen uns mit Händen und Füßen, dass wir mit unseren Stirnlampen gut für die alten Stollen ausgerüstet sind. Sie beneiden uns um unsere Jugend, sie haben wegen der Stollen, Leitern und steilen Stellen umgedreht. Ich blicke ihnen hinterher – waren sie hier schon unterwegs, als es hier noch kein Freizeitgebiet war, sondern nur Kriegsvergangenheit in der Luft hing?

Der Zugang zur Galleria del Guerra ist leicht zu erreichen, ein leicht angerostetes Schild weist am Eingang auf Italienisch darauf hin, dass hier eine eigene Lichtquelle benötigt wird.
Mit unseren Lampen auf dem Kopf, der Helm bleibt vorsichtshalber auch auf, machen wir gefühlt einen Zeitsprung in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Meine Gedanken können sich nicht daran gewöhnen, in einem Kriegsstollen herumzulaufen – zum Vergnügen.
Die an der Wand angemalte Wandermarkierung holt mich wieder zurück ins Jahr 2016. Der Boden ist festgetreten, wie viele Stiefel haben ihn schon begangen?

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Ab jetzt Stirnlampe an. Der Eingang zur Galleria del Guerra
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So gut wie kein Licht, nur manchmal Wegmarkierungen in den Stollen

Der Stollen ist länger, als ich dachte. Nach einer Biegung laufen wir komplett durchs Dunkle. Wir stapfen durch kleine Wasserpfützen und orientieren uns an dem, was wir in unseren Lichtkegeln sehen. Es führen immer mal wieder Gänge von unserem Weg ab. Kurze Hinweisschilder, dass diese ins Nichts führen stillen direkt meine Neugierde. Es ist spannend, aber länger als notwendig muss ich hier nicht drin bleiben.

Es geht bald eine Leiter hoch, wir kommen wieder in das zarte, lebendige Frühlingserwachen des Gardasees. Das Leben ist schön! Die letzten Meter zum Gipfel steigen wir durch einen gestuften Stellungsgang. Hoch gemauerte Schleichwege sind das. Befestigungen für alte Flakanlagen überklettern wir. Ich recke meine Nase gen Himmel, es ist krass und schön zugleich.

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Am Gipfelkreuz des Cima Rocca machen wir unsere wohlverdiente Pause. Die Sonne vertreibt dunkle Stollengedanken, es ist eine Ehre an diesem Ort heute sitzen zu können und aus einem Hobby heraus den Berg zu erklimmen.
Unser Abstieg führt über die andere Bergflanke und leitet uns zurück zur Schutzhütte. Die italienische Familie wird immer größer – die älteren Generationen sind mittlerweile angekommen, sie haben aber wohl den Wanderweg genommen, der auch bis hierhin führt und nicht den Klettersteig.

Wir wandern mit Blick ins Ledrotal über kleine Wanderpfade wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt, dem Parkplatz in Biacesa am Sportplatz.
Aber hallo, im Dorf sehen unsere staubigen Kehlen ein urgemütliches Café, die Villa Alma le grotte. Ein Schild lockt mich: Aperol Spritz. Der italienische Flair ist einfach zu stark und schon sinken wir mit einem zufriedenen Seufzer auf die Stühle vor dem Café. Mein Aperol schmeckt vorzüglich.

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Meine Kurz-Einschätzung der Klettersteig-Runde zum Cima Rocca

Eine wunderschöne Tour mit grandiosen Tiefblicken auf den nördlichen Gardasee. Die Geschichte wiegt schwer und ist allgegenwärtig. Toll, dass hier auf verschiedenen Tafeln die Geschichte des Berges festgehalten wird, so bekommt man selber ein noch viel besseres Gefühl und Verständnis von dem, was hier war, als wenn man es im sonnenverwöhnten Riva del Garda im Buch nachlesen würde.

Die Steige sind alle sehr gut an einem Tag machbar und von der Schwierigkeit her nur auf den ersten beiden Steigen etwas herausfordernder. Für mich war es auf jeden Fall am spannendsten, als wir im Schwierigkeitsbereich B den Steig etwas abwärts klettern mussten. Hier macht mein Kopf noch nicht so gut mit, aber das ist gut zu wissen für mich, daran kann ich arbeiten.

Als Sahnehäubchen empfehle ich, am Ende der Runde auf der Selbstversorgerhütte Bivacco Arcione zu übernachten. Das wär’s echt gewesen!

> Zur Topo der gesamten Klettersteig-Tour

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