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Die „Tiramisu-Ostwand“ oder warum ich den Knüppel-Klettersteig Che Guevara so liebe

Es ist ein Gefühl für weiche Knie und funkelnde Augen! Nach 5 Stunden und 1400Hm stand ich auf dem Monte Casale auf 1632m und hatte meinen ersten C/1- Klettersteig mit Bravour und Schnaufen gemeistert: Die Wand, durch die der „Che Guevara“ in der Nähe des Gardasees geht, habe ich bezwungen. Was für ein Krampf, was für ein unbeschreibliches Glücksgefühl!

Über den Klettersteig „Che Guevara“

  • Schwierigkeit: C und 1-, viel B und Gehgelände
  • Höhenmeter insg.: 1400
  • Höhenmeter Steig: 1200
  • Ausrichtung: Südosten (fuck off wird das warm!)
  • Angegebene Zeit: 7,5 Stunden (mit Pausen, Fotos und Abstieg durch steiles Schneegelände haben wir 9 Stunden gebraucht)
  • Abstieg: Egal, wie man geht: er zieht sich einfach endlos in die Länge und nervt irgendwann
  • Ausgangsort: Pietramurata, Trentino, Italien

Es gibt bei diesem Klettersteig nur 3 Stellen, die laut meines Klettersteigführers in ihrer Schwierigkeit bei C eingestuft werden. Eine davon direkt zu Beginn ein fieser, sich ziehender Pfeiler und dann ganz am Ende noch eine Stufe sowie eine erdige Rinne.

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Nachdem ich anfangs bereits diese C-Stelle für mein Können schwer fand, war ich den gesamten Steig immer sehr darauf bedacht, mich nicht voll zu verausgaben, da es dann zum Finale noch einmal echt anstregend werden sollte.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass der erste C-Pfeiler definitiv die anstrengendste Kletterpassage war. Die Erdrinne am Ende kann bei Nässe wohl sehr kräfteraubend werden. Wir hatten aber Glück und konnten diesen Teil fast ‚hochspazieren‘ – soweit man von ’spazieren‘ nach den Höhenmetern in Beinen und Armen noch sprechen kann.

Dadurch, dass der Klettersteig so lang ist, sollte man seine Kräfte gut einteilen und lieber langsamer machen, als dann im Finalsprint keine Kraft mehr zu haben. Es sind viele Gehpassagen im Steig, bei denen man auch immer wieder rasten und die Aussicht genießen kann.
Der Via Ferrata ist ein absolutes Highlight, wenn das Wetter sehr stabil und der Fels furztrocken ist. Ansonsten würde ich den Klettersteig wirklich nicht empfehlen, da über viele Platten gestiegen und geklettert wird. Die Rutschgefahr ist hier einfach enorm!

Super wichtig ist auch, dass man genügend zu trinken mitnimmt, da man die ganze Zeit in der Sonne klettert und nur wenige Schattenplätze zu finden sind. Jetzt im März bei 16°C und leichtem Wind war es manchmal trotzdem schon zu warm. Zu zweit haben wir fast 4 Liter auf der gesamten Tour getrunken und uns immer wieder mit Sonnencreme eingeschmiert. Im Hochsommer möchte ich diese Route wirklich nicht gehen, da geht man ja kaputt.

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Bitte lasst, wie immer, den Helm bis zuletzt auf der Birne – dieser Steig hat sehr viel Geröll und immer wieder kann unabsichtlich etwas losgetreten werden. Gerade wenn mehr los ist auf dem Steig wird es zu kleineren Steinschlägen kommen. Sogar wir hatten schon das ein oder andere Geschoss, obwohl verhältnismäßig wenige Klettersteiggeher zusammen mit uns unterwegs waren.

Call me ‚Wandbezwingerin‘

Ich kann es immer noch nicht richtig glauben. Bevor ich den „Che Guevara“ gemacht habe, konnte ich mir nicht vorstelln, diese krasse Wand zum Monte Casale hochzusteigen. Ich bin doch keine Kletterin und eine gescheite Route konnte ich von unten aus nicht erkennen – natürlich nicht. Aber meine Ehrfurcht vor diesem Berg war enorm.

Und auch als wir am Tourende wieder ganz unten standen, klein wie zwei Ameisen mit erschöpften Gesichtern, da habe ich mich wieder gefragt, ob wirklich ich diese Wand bezwungen habe: Aber ja, man! Ich hab’s getan! Ich bin diese 140Hm hinaufgeklettert, manchmal elegant, manchmal Elefant, aber immer mit einem (zumindest inneren) Grinsen und der absoluten Gewissheit, dass dieser Via Ferrata mein bislang schwierigster ist und somit auch ein Prüfstein für mich und meine Psyche.

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Der „Che Guevara“ gilt als nicht so schwierig, aber als enorm lang und daher als schwer. Ausdauer habe ich, dessen war ich mir sicher. Nur die C-Stellen machten mir etwas Sorgen – ich habe doch immer noch nix inne Arme. Aber das Kind musste einfach diesen Berg hinauf.

Ich habe mir vorher auf Youtube ein paar Videos zu diesem Klettersteig angeschaut, z.B. von RealAdventure (unten verlinkt), und konnte mir dann sicher sein, dass ich den Steig packen würde. Youtube war da wirklich für mich eine perfekte Vorbereitung. Natürlich zusammen mit meinem Klettersteigführer.

Tourenbeschreibung und Topo: bergsteigen.com

Oder in Printform zum schöneren Schmökern inkl. CD: Klettersteigführer Dolomiten – Südtirol – Gardasee

Und dann standen wir dort, am Anfang dieser Mordstour, noch frisch und voller Tatendrang. Der frühe Hochnebel würde sich im Laufe des Tages verziehen, sodass wir Sonne pur und eine grandiose Fernsicht haben würden. Immer mit der ausgeduckten Tour als Anhaltspunkt stiegen wir schnell immer höher. Ich habe die Kombination von Gehgelände und anspruchsvolleren Stellen sehr genossen. Irgendwann wurden auch die Gehstellen anstrengend, aber das war bei dieser Tour von vornherein klar und daher auch irgendwie gewollt.

 

Es war mein erster Klettersteig im Sarcatal, meine erste große Wand, die eine unglaubliche Tiefsicht erlaubt, je höher man kommt. Das gesamte Tal sowie der Gardasee wurden durch einen monstermäßigen Gletscher geformt und das ist so faszinierend. Ganz unten erblickt man den platten Talboden, fast ohne jegliche Unebenheit, während man selbst immer höher Richtung Sonne steigt. Diese Bergmasse hat dem einstigen Gletscher widerstanden, steht noch immer und duldet, dass Ameisen wie ich sie beim Hinauflettern kitzeln dürfen – einfach nur unbeschreiblich, einfach nur grandios!

Jetzt Ende März haben wir in manchen Schattenteilen noch Schnee gefunden, durch den wir gestapft sind. Das waren keine so angenehmen Passagen, aber durch die gut vorgeformten Tritte problemlos möglich. Immer wieder hat diese Wand Vorsprünge und Plateaus aus dem Nichts gezaubert, die man von unten nicht wirklich hat erahnen können. Die steile Wand hat sich als gangbar und wunderbar vielfältig herausgestellt.

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Ab jetzt nur noch eins im Kopf: Tiramisu

Ziemlich auf der Mitte des Klettersteigs gibt es meine Lieblingsstelle: die Tiramisu-Ecke! An sich ist diese Felskante absolut unspektakulär, wenn nicht dort mit Farbe „Tiramisu“ draufgepinselt worden wäre. Diese Kennzeichnung führte nur dazu, dass ich mir den restlichen Steig samt Abstieg nichts sehnlicher wünschte als eine ordentliche Portion italienisches Tiramisu. Oder man hat bis zu diesem Eck sich die Kalorien von einer Portion Tiramisu abtrainiert? Laut Outdooractive soll ich als Frau ca. 1600kcal bei dieser Tour verbraten. Da hab ich an der Stelle garantiert schon eine Portion Tiramisu verdient!

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Es gab ein paar 1- Stellen, die mir sogar angenehmer als die C-Stellen waren, da man hier, zum Teil unversichert, in angenehmen Tritten kraxeln konnte. Sehr oft hatte man aber auch unter sich nur den tiefen Abgrund und unten immer das Kieswerk im Blick, das wie ein großes offenes Maul nur darauf zu warten schien, einen zu verspeisen. Mindestens! Wenn sich nicht gar die Hölle selbst unter einem öffnete.
Echt jetzt? Nein, so schlimm war mein Adrenalinschub nicht, auch wenn meine Beine und Arme irgendwann sagten, dass es genug sei und sie gern eine Bergbahn hätten, um wieder runterzufahren. Auf dem Monte Casale gibt es aber keine Bergbahn, auch zu dieser Jahreszeit keine geöffnete Hütte, sondern nur einiges an Schnee und ein paar trockene Flecken Gras vor dem Gipfelkreuz.

Wir entschieden uns für den ‚Wanderweg‘ im Abstieg (und nicht den möglichen anderen kurzen Klettersteig), da ich mich gern einfach nur noch ‚auslaufen‘ wollte. Mit so viel Schnee beim Abstieg habe ich wirklich nicht gerechnet und dadurch wieder etwas dazugelernt.

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Da der Abstieg eher auf der Nordflanke des Monte Casale entlanglief, war hier natürlich vom Frühling noch lange nichts zu spüren. Stattdessen gingen wir durch stiefeltiefen Schnee und rutschen mehr als dass wir gingen den Berg hinab. Sogar bei Nässe ist dieser Weg ziemlich unsangenehm, da man viel steiles Gelände im Laubwald zurücklegt und die alten Blätter den Boden komplett bedecken.
Aus den 3,5 Stunden Abstieg über einen Wanderweg wurden bei uns 4,5 Stunden über eine steile Schneepiste in höchster Konzentration und dem „Wer bist du?“-Spiel, um davon abzulenken, dass man keinen Bock mehr auf diese Strecke hatte. Die 1400Hm mussten auch wieder hinuntergelaufen werden, das war klar. Aber was für ein Geochse, hömma, das war nicht mehr feierlich.

Aber nun kann ich sagen, als ich wieder auf meinem Sofa saß und mich vor Muskelkater kaum bewegen konnte: Geil war’s. Mach ich sofort wieder! Und danke an die „Tiramisu-Ostwand“, dass ich mir dieses Dessert so gut verdient habe!

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2 Kommentare zu “Die „Tiramisu-Ostwand“ oder warum ich den Knüppel-Klettersteig Che Guevara so liebe

  1. Hi Corinna,

    spannender Bericht! Klingt nach einem Abenteuer. Jetzt muss ich noch einen Kletterpartner finden, der mit mir über den Steig kraxelt. Die Waldheldin streikt da definitiv :)

    1. Hey Udo,

      oh ja, bei dem Steig sollte man sich im Vorhinein sicher sein, dass man ihn packt, sonst wird es unbequem. Aber er ist es auf jeden Fall wert – nur nicht im Sommer ^^
      Man braucht ne gute Trittsicherheit und Ausdauer, aber der Steig ist nicht extrem technisch anspruchsvoll.
      Drücke Dir die Daumen, dass Du fix jemanden zum Klettern findest, denn es macht einen Heidenspaß!!!

      Liebe Grüße!
      Corinna

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