Kanu fahren in der Tarnschlucht – Wo wilde Wasser walten

Wie wäre es mit einem Paddel in der Hand, wiegenden Wellen und turmhohen Felswänden mit majestätischen Adlern? Dann komm mit und setz Dich mit in mein Plastik-Kanu und lass uns gemeinsam den Tarn runterpaddeln.

Mein letzter Sommer in Frankreich führte mich nicht nur in die Pyrenäen, sondern auch für eine Woche in die Cevennen zur Tarnschlucht (Gorges du Tarn), die neben der Ardèche-Schlucht die beliebteste Frankreichs ist.
Mit stellenweise 450m hohen Felswänden ist sie ein Paradies für Wildtiere jeder Art und Touristen jeglicher Nation. Vor allem deutsche Lehrer sollen hier eine zweite Heimat gefunden haben (Nonsense-Wissen hat noch nie geschadet).

Hier schlägt jedes Kletterherz höher und während wir uns mit dem Paddel in der Hand und nasser Hose den Tarn hinunterschlängelten, hallten die Schreie der angestregnten Kletterer immer wieder zu uns herunter. Holla, bis ich das verorten konnte, war ich etwas erschreckt!

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20km mit dem Kanu von St. Enimie bis Baumes-Basses

Überall sieht man bunte Plastik-Kanus, die wie beim Quietscheentenrennen einfach aufs Wasser geworfen werden und dann durch das gurgelnde Wasser flussabwärts getrieben werden. An jeder Ecke kann man sich also spontan ein Kanu mieten.
Schwimmweste, Paddel und eine wasserdichte Tonne samt Karte drauf ist die Ausrüstung – und man unterschreibt, dass man paddeln kann und der Verleiher im Falle eines Unfalls nicht belangt werden kann.

Der Franzose von Locanoë konnte mir, trotz meiner sehr guten Französischkenntnisse, nicht wirklich erklären, ob man irgendwo umtragen müsse. Er nuschelte sich einen zurecht und meinte nur, dass wir uns irgendwo links halten sollen. Aha. Na dann mal los.

Alle Kanuverleiher haben den tollen Service, dass sie einen an einem vereinabrten Endpunkt wieder abholen und zurück bringen. Verfehlen kann man die Ausstiege wirklich nicht, weil es immer Schilder mit dem Namen des Standortes drauf gibt. Nur muss man es dann zeitig schaffen, wegen der Strömung ans Ufer zu kommen. Aber das ist eine andere Sache…
Die Uhrzeit zum Abholen wurde kurz abgemacht, wir hatten uns für die lange Tour (20km – 6 Stunden) entschieden und dann gings auch schon ins kühle Nass.

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An dem Tag war es relativ frisch. Etwas verkrampft meisterten wir die erste Kurve – der Tarn hat verdammt viele davon – und wir freuten uns, nur ein wenig Spritzwasser abbekommen zu haben. Das war aber erst der Anfang. Gut, dass wir Wechselwäsche dabei hatten.

Mit jeder Kurve machte es mehr Freude, unsere schwimmende Blau-Boje über den Tarn gleiten zu lassen. Ab und an brach die Sonne durch die Wolken und gab uns eine Vorstellung davon, wie gut es sein muss, an heißen Tagen einfach auch mal anzuhalten und baden zu gehen.
Wir hatten etwas Regen zu Beginn der Tour, dafür aber auch den großen Vorteil, nicht mit so vielen anderen Touris unterwegs zu sein. An den vollsten Tagen lassen die Vermieter bis zu 1000 Boote ins Wasser. Ach, Regen – du bist mein bester Freund!

Vorbei an verfallenen Ruinen, dichtbewachsenen Ufern und 4-Sterne-Hotels paddelten wir mit den tanzenden Wellen des Tarn stetig flussabwärts. Immer wieder brachten uns unsere Kurvenmanöver ordentlich Wasser ins Boot, sodass wir unsere Pausen nicht nur dazu nutzten, um etwas zu futtern, sondern auch, um flugs die Hosen zum Trocknen auszulegen und zu hoffen, dass die Sonne stark genug war.

Aber wir hätten es erst gar nicht versuchen sollen mit dem Trocknen. Wir wussten ja vom Nuschelfranzosen, dass diese Stelle mit dem „links halten“ kurz vor dem Ort La Malène lag. Wir kamen ihm immer näher. Da ich vorne saß, wurde ich auch zunehmend unruhiger – irgendwer hatte mir gesagt, dass man eine Stelle umtragen solle… der Franzose meinte aber nur „einfach links halten“. Na super… wie ein Erdmännchen hielt ich also Ausschau nach der großen Gefahr.

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Von meterhohen Staustufen, mächtigen Felswänden, majestätischen Adlern und nassen Buxen

Und dann kam die Stelle – plötzlich verschwanden die Kanus vor uns einfach. Zack und weg. Mein Hals wurde immer länger. Wie hoch war die Stufe? Ich konnte es einfach nicht einschätzen. Fast gegen meinen Willen fing mein Steuermann an, immer schneller zu paddeln. Er redete was von Fahrt aufnehmen und so. Aber halt, vielleicht wollte ich gar nicht so viel Fahrt haben?
Habe ich mal erwähnt, dass Wasser nicht so ganz mein Element ist? Mein letzter Versuch, dem meterhohen Sturz in die Wellen zu entgehen war ein piepsiges „Halt an!“ und dann stürzten wir uns in unserer Plastikschale auch schon die Staustufe hinab!

Tja… was soll ich sagen? Es war verdammt nass. Wir haben ordentlich Applaus von Schaulustigen bekommen und überlebt hab ich es sogar auch. Die Stufe war nicht schlimm, nicht hoch und nicht senkrecht abfallend. Aber hey, wer konnte das vorher ahnen?

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Erstmal aussteigen und gucken…

Danach war die Tour eine entspannte Kaffeefahrt. Wir wussten, dass wir nur noch 9km vor uns hatten, noch ausreichend Zeit vorhanden war und wir außerdem in Ruhe die phänomenale Stelle ‚Les Détroits‘ voll genießen wollten. Hier ragten die Felswände bis zu 450m hoch über einem auf. Oben thront der Roc des Hourtous und Gänsegeier zogen in aller Seelenruhe droben am Himmel ihre Kreise. Sie wissen genau, dass ihnen in dieser Landschaft niemand zu nahe kommen kann. Unser Staunen wurde nur leicht dadurch getrübt, dass wir in eine Horde Jugendlicher gerieten, die es mit dem Steuern ihrer Kanus noch nicht so drauf hatten – im Slalom vermieden wir größere Unfälle und die eigentlich stillen Felswände hallten wider vom Gegackere der jungen Meute.

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Für uns hieß es dann alsbald schon weiterfahren, denn die Paddel wollten bewegt werden. Die letzten 5km waren dann viel zu schnell vorüber. Les Détrroits verschwanden langsam hinter uns und alles Umdrehen half nichts, wir waren durchgefahren. Die Magie des Ortes, an den man nur zu Wasser kommt, hielt mich aber weiterhin gefangen.

Nach einer etwas kritischen Stelle (Warnhinweise, dass ein Strudel kommt und man sich rechts halten solle) gaben unseren letzten Metern noch etwas Würze und schließlich kämpften wir uns mit 20km Paddelstrecke in den Armen an die vereinbarte Ausstiegsstelle Baumes-Basses. Der Kieselstrand war wunderbar, um sich einfach hinzulegen. Etwas frisch war der Wind immer noch. Aber trockneten unsere Sachen wenigstens schneller. Unser etwas altersschwache Bus samt Bootsanhänger rumpelte bald über den Kiesstrand und sammelte uns mit noch ein paar anderen Kanuten ein. Die Strecke zurück war schnell gemacht – eins sei hier nur gesagt: die heizen durch die schmalen Straßen der Schlucht, als gebe es kein Morgen. Mon dieu!

Ich habe für die Tour nur ein Handy dabei gehabt, um nicht meine gute Kamera im Tarn verschwinden zu sehen. Ich hoffe, ich konnte euch trotzdem eine Vorstellung davon mitgeben, wie mystisch und wild zugleich der Tarn vom Wasser aus ist und was für eine wunderbare Erfahrung ich hier machen konnte.

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2 Kommentare zu “Kanu fahren in der Tarnschlucht – Wo wilde Wasser walten

  1. Tolle Abenteuer, die du erlebst und schöne Berichte, die du darüber schreibst. Mir als großer Kanu-Fan gefällt vor allem dieser hier sehr gut! Kriegt man selbst auch immer gleich Hummeln im Hintern! ;-) Liebe Grüße, Svenja :-)

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